Editorial Wie beginnt mein neues Jahr?

Es gibt unendlich viele Texte über ­dieses Gefühl: die angenehme Leere der ersten Wochen eines neuen Jahres. Leere Terminkalenderseiten und auch man selbst mit so einem Rest von Hangover und noch etwas wackeligem Anfangsoptimismus nach vorn schauend. Auf Wochen und Monate, die vor einem ­liegen wie ein Schneefeld, unberührt, weiß, großartig. Man kann es beinahe riechen.

Wie beginnt mein neues Jahr?

Einer unserer Lieblingssätze zu diesem Gefühl stammt von Hermann Hesse. In seinem Gedicht „Stufen“ hat er wirklich punktgelandet formuliert: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber ­inne.“ Weil da am Anfang Platz und Luft und Fläche ist. Horizontweite. Die wir in den ersten Wochen und Monaten dann langsam verlieren. Weil wir sie zustellen, mit Terminen, Sorgen, sich stapelndem Kram – wir mittendrin, uns selbst ratlos zuraunend: Verdammt, das hattest du doch mal anders geplant.

Doch was wäre, wenn wir darum kämpfen würden, etwas von der Freifläche in ­unserem Leben zu behalten? Unser Redakteur Florian Zinnecker hat genau das ausprobiert. Für seinen neuen Job in der CORD-Redaktion zog er einmal ans andere Ende der Republik. Er schmiss nicht nur viele Dinge weg, er ordnete sein Leben neu und begann in Hamburg mit: wenig. Kleine Wohnung, die aber groß wirkt, weil kaum was drinsteht. Aus dem Umzug entwickelte sich viel mehr. Eine neue Ordnung und eine überraschende neue Freiheit. Wir fanden, dass das einer Sehnsucht entspricht, die viele von uns gerade haben. Mehr Platz, weniger Kram, man hört sich förmlich dabei ausatmen, oder? Von all dem erzählt Florian in der Titelgeschichte (ab Seite 11).

Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren ist oft schwer. Auch weil es so viel einfacher ist, noch mehr zu kaufen, zu noch mehr einfach „Ja“ zu sagen, „Mach ich!“ oder ein halb egales „Meinetwegen“. Auch fürs neue Jahr haben wir uns in der ­Redaktion vorgenommen, diesem Impuls zu widerstehen. Kein Wunder also, dass es in vielen Geschichten dieses Heftes wieder um den Fokus aufs Wesentliche geht und die daraus erwachsende Freiheit. ­Eine Geschichte beginnt im Oktober 1974 und erzählt von dem Schlagzeuger Karl Bartos, der zur Probe einer neuen Band kommt. Ihr Sound ist unfassbar. Kühl, ­reduziert, er lässt alles weg, was unnötig ist. Er klingt wie Musik aus dem Weltall, ein Sound, der über einem Schneefeld aus Coolness schwebt. Unsere Kraftwerk-Geschichte beginnt auf Seite 90. Ein neues Jahr. Herzlich willkommen.